BILD-Exklusiv
Bei einem nichtöffentlichen Frühstück im Bundestag.
Sinan Selen, 54, ist seit 2025 Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, des deutschen Inlandsnachrichtendienstes.
Berlin - Was nur wenige ausgewählte Gäste im Bundestag hinter verschlossenen Türen hören konnten, sollte ganz Deutschland bekannt sein: Islamistische Organisationen versuchen, deutsche Institutionen zu unterwandern, um Einfluss auf die Politik zu nehmen.
Das erklärte nach BILD-Informationen Sinan Selen, 54, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, bei einem parlamentarischen Frühstück im Deutschen Bundestag.
Wie BILD von mehreren Teilnehmern erfuhr, warnte Selen vor dem Versuch islamistischer Organisationen, politische Institutionen zu unterwandern. Besonders ging er dabei auf die Muslimbruderschaft in Europa und Deutschland ein.
Die Muslimbruderschaft handle nicht gewaltsam, sei aber nicht weniger gefährlich, da sie ihre Ziele äußerst strategisch und langfristig verfolge. Der Verfassungsschutzchef warnte, die Islamisten versuchten gezielt, innerhalb deutscher Parteien zu wirken, um Staat und Gesellschaft zu verändern. Sie hielten sich an alle deutschen Gesetze - aber nur, solange diese mit der Scharia vereinbar seien. Letztes Ziel dieser Unterwanderungsversuche sei die Errichtung einer islamischen Gesellschaft.
Die Muslimbruderschaft ist eine Bewegung mit einem weltweiten Netzwerk von Organisationen. Obwohl es Verbindungen zu terroristischen Organisationen gibt - etwa zur palästinensischen Hamas -, versucht die Bruderschaft in Europa, ihren Islam als weltoffen und tolerant darzustellen.
Laut dem Verfassungsschutzbericht 2024 ist die „Deutsche Muslimische Gemeinschaft e.V.“ die „bedeutendste und zentrale Organisation“ des Sympathisantenspektrums der Muslimbruderschaft in Deutschland. Der Bewegung werden 1.450 Personen zugerechnet. Hinzu kommen Kooperationspartner.
Mit anderen Worten: Die Muslimbruderschaft knüpft Kontakte zu Politikern und lädt sie über ein komplexes Netzwerk von Organisationen zu Veranstaltungen ein, um langfristige Beziehungen aufzubauen. Ziel dieser Kontakte ist es, deutsche Amtsträger im Sinne der Bewegung zu beeinflussen: Sie sollen sich etwa der Kritik am politischen Islam widersetzen oder über den Islamismus hinwegsehen.
Mehrere Teilnehmer dieses nichtöffentlichen Treffens, das unter der Schirmherrschaft von Innenstaatssekretär Christoph de Vries, 51, CDU-Mitglied, stattfand, sagten BILD, sie seien von der Dringlichkeit von Selens Worten überrascht gewesen - aber auch erfreut über deren Klarheit.
Anders als manche seiner Vorgänger ist Sinan Selen, seit 2025 Chef des deutschen Inlandsnachrichtendienstes, bislang nicht durch lautstarke Forderungen aufgefallen und übt in einer Zeit starker politischer Polarisierung mediale Zurückhaltung.
Linke Parteien seien offener für Kontakte mit Islamisten
Der politische Islam bereitet den Behörden große Sorge. Nach BILD-Informationen fürchten Sicherheitskreise, dass Politiker - mitunter aus Unwissenheit - in Kontakt mit Personen geraten, die der Muslimbruderschaft nahestehen oder ihr angehören.
In diesem Zusammenhang seien die Parteien des linken politischen Spektrums mehr als andere offen für Kontaktaufnahmen von Islamisten - teils aus Unkenntnis islamistischer Strukturen, teils aus falsch verstandener Toleranz.
Aufschlussreich in diesem Zusammenhang: In der Antwort auf eine Kleine Anfrage erklärte die Bundesregierung Anfang Mai, ihr lägen „derzeit keine Erkenntnisse“ über eine „gezielte Unterwanderung“ der im Bundestag vertretenen Parteien durch islamische Organisationen vor.
Zugleich lehnte die Bundesregierung eine detaillierte Antwort zu den Aktivitäten der Muslimbruderschaft „aus Gründen des Staatswohls“ ab, um die Arbeit des Verfassungsschutzes nicht zu gefährden.
BILD-Zeitung
Berlin - 3. Juni 2026, 14:31
Originalartikel auf bild.de lesen →